Die Legende des Baalschem

Als der große Meister Baalschem im Sterben liegt, ruft er seinen Schüler Rabbi Schimon zu sich, um ihm zu sagen, wie er sein künftiges Leben führen solle. „Freund“, sagt Baalschem zu Schimon, „für dich ist vorgesehen, in der Welt umherzufahren und Geschichten von dem zu erzählen, was du von mir erfahren hast.“ Rabbi Schimon konnte seinen Auftrag nicht verstehen. „Dein Weg wird ein gutes Ziel finden“, tröstet ihn der sterbende Baalschem.
Rabbi Schimon zog sein Wanderkleid an und zog von Ort zu Ort. Eines Tages hörte er von einem berühmten und reichen Juden, der äußerst begierig sei, die Geschichten zu hören, die Schimon zu erzählen habe. Lange zog Schimon durch das Land, bis er in dem prächtigen Haus des reichen, berühmten Juden ankam. Als Schimon nun mit der Aufmerksamkeit seiner Sinne vor dem Juden saß, öffnete er seine Lippen, gewohnt, dass die Geschichten wie von selbst in seinem Inneren aufstiegen und die Worte aus ihm herausflossen, wollten sich keine Worte in seinem Mund formen. Stattdessen stieg ihm von innen eine Eiseskälte auf, das Wort gefror in seinem Munde, er erstarrte und erbleichte. Wie aus der Ferne nahm Rabbi Schimon die Erwartung in den Gesichtern der Menschen im Haus des reichen Juden wahr. Die ganze Nacht wartete Schimon auf die Eingebung der Geschichte, die er zu erzählen habe, aber sein Sinn war betäubt. Am Tag darauf verabschiedete sich Rabbi Schimon und der reiche Jude entließ ihn mit traurig gesenkten Augen.
Als alles zur Abreise bereit war, war es Rabbi Schimon, als führe ihm urplötzlich ein Lichtstrahl durch den Leib. Als er sich auf sich selbst zu besinnen vermochte, stand die Geschichte in klaren Bildern in seiner Seele. Der Rabbi kehrte um und erzählte dem berühmten Juden die Geschichte eines Mannes, der, um sich Bedeutung und Ansehen zu verschaffen, wie unter der Gewalt eines fremden Geistes, sich von seiner Bestimmung weit entfernt hatte und darüber sich selbst und seinen Mitmenschen fremd geworden war, hart und kalt, im Innern seiner Seele aber friedlos und gequält. Als Rabbi Schimon die Geschichte beendet hatte, stand der Jude auf, reichte ihm die Hand und rief: „Du hast mir meine Geschichte erzählt. Ich bin dieser Mann. Aber ich wusste in meiner Seele: Wenn einer kommt, und mir meine Geschichte erzählt, will ich es als Zeichen der Befreiung aus den Ketten meiner Taten deuten. Jetzt, nachdem du dich entsonnen hast, weiß ich, dass mir geholfen ist.“

* Martin Buber in: Die Legende des Baalschem. Manesse Verlag 2005, 151 f

Halten Sie hier wieder einen Moment inne, wie Sie es vorhin beim Dialog zwischen Fuchs und dem kleinen Prinzen getan haben. Spüren Sie welche Emotionen und Gefühle in Ihnen auftauchen. Untersuchen Sie Ihr körperliches Empfinden. Fühlen Sie z.B. die Anstrengung Ihrer Augen vom Lesen, das Empfinden von Interesse, Langeweile oder Ablehnung, oder klingt in Ihnen etwas an, eine Erinnerung, ein Luft holen, ein Wiedererkennen, ein gleichsam vertrautes Gefühl von Stimmigkeit, von einem inneren "Ja".

Diese Erzählung beschreibt und deutet auf das mächtigste Agens, (das was wirkt), bezüglich Gesundheit und Heilung.

Ein Therapeut (Freund), der seinen eigenen Abgrund nicht scheut und mit Ihnen in den Ihrigen hinabsteigt, um mit Ihnen dem Unheimlichen, den Dämonen zu begegnen und sich dem, mit Ihnen gemeinsam aussetzt, um zu schauen, Sie zu schauen.

Die vergessene Geschichte ist Zugang und Lösung Ihres Leides und Leidens zugleich und erst durch ihr Bewußtmachen und -werden, eben durch ein Hervorbringen Ihrer vergessenen Geschichte wird es möglich, all die Mauern, Panzerung, Eisenbande, die Sie um zu überleben, um Ihre Seele und Herz errichten mußten, aufzuweichen und dann zu lösen. Das Gemeine an diesem Überlebensmechanismus ist, Sie mußten verdrängen, was die Ursache war, die Sie diese verhängnisvollen Wälle und Dämme hat errichten lassen, die Ihnen nun Ihre Lebendigkeit so abschnürt, so beschränkt, einschließlich der Fähigkeit zu wachsen, sich selbst zu heilen und ganz zu werden.

Das mich, in Sie nicht nur einzufühlen, sondern Sie dort wo Ihre Wunden sitzen, ganz und gar wahrzunehmen und zu spüren, sie in mir zu erleben, bringt in Ihnen Ihre vergessene Geschichte wieder hervor. Ihre vergessene Geschichte wie auch alle mit ihr verbundenen Abwehrmechanismen und -strategien, Widerstände die, so überlebenswichtig sie auch waren, Ihnen heute aber  die Luft zum Atmen abschnürt, sie Ihrer Lebendigkeit beraubt und so den Weg zu Krankheit, (dis-ease), bereitet.